The Ocean at the End of the Lane im Duke of York’s Theatre London

Etwas ist anders bei diesem Theaterbesuch. Nicht etwa, dass man neben seinem Ticket auch seinen Impfnachweis zeigen muss. Daran haben wir uns glaube ich alle ausreichend gewöhnt. Auch nicht, dass ich das Ambassador Paket gebucht habe und mich frage, warum ich das nicht immer schon gemacht habe. Immerhin bedeutet das Zutritt zu einer gemütlichen Lounge, eine private Garderobe und noch viel wichtiger, eine private Toilette. Wer schon einmal versucht hat im Intervall in die Damenräume zu kommen, wird das ebenso zu schätzen wissen. Nein, was wirklich anders ist, ist dass es mein erster Theaterbesuch in London als Londonerin ist. Ich fahre nicht mit der Underground, sondern genieße den Fahrtwind und den Blick über die Themse, während ich auf meinem Swapfiets den Cycle Superhighway entlangradle. Kann ich das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen? Vielleicht.

I went away in my head, into a book. That was where I went whenever real life was too hard or too inflexible.

Die Geschichte ist zu vielschichtig für eine kurze Zusammenfassung und muss ohnehin gelesen oder – noch besser – erlebt werden. Ihr erlebt einen Mann, der einem Impuls folgend nach der Beerdigung seines Vaters zu einem alten Farmhaus am Ende der Straße fährt, in dem er früher gespielt hat. Dort trifft er auf eine alte Frau und die Erinnerungen an eine magische, aber auch dramatische Zeit, eine Bedrohung nicht von dieser Welt und an ein ganz besonderes Mädchen kehren zu ihm zurück. Der kleine Ententeich vor ihm wird zum Ozean und er erlebt die Abenteuer, Schrecken und Verluste dieser Zeit noch einmal neu. Und ja, ihr lest richtig. The Ocean at the End of the Lane ist sicherlich keine leichte Kost und hält stellenweise sehr emotionale und verstörende Momente bereit. Ich habe mich gegruselt, hatte Gänsehaut und habe vielleicht fast das ein oder andere Tränchen verdrückt.

Das lag zum einen offensichtlich an der Thematik. The Ocean at the End of the Lane befasst sich mit Erinnerungen, Vergangenheit und der Tatsache, dass „Vergessen“ manchmal ein Schutzmechanismus ist. „Lets’s make all this a little easier“ ist ein Satz, der mehr als einmal fällt und mit dem Vergessen bestimmter Geschehnisse einher geht.

Gänsehaut hat mir vor allem aber auch das phänomenale Sounddesign von Ian Dickinson in Kombination mit den Kompositionen von Jherek Bischoff gesorgt. Die filmreife musikalische Untermalung hat dem Stück eine weitere Dimension gegeben und den Zuschauer noch einmal tiefer in die jeweilige Szene gezogen. Das habe ich selten so intensiv erlebt wie hier. Dazu passend war das Licht phantastisch gesetzt und hat verschiedene Illusionen erzeugt. Die Kombination hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.

Beeindruckt hat mich auch das aufwändige, aber dennoch minimalistisch wirkende Bühnenbild von Fly Davis. Mit wenigen Requisiten wurde ein schlichtes Wohnhaus, ein gemütliches und uriges Farmhaus und ein bedrohlicher Wald geschaffen. Ganz zu schweigen von dem Ozean, in den man zwischendurch abtauchen kann. Ich kann es nicht beschreiben, aber bei der Erinnerung bekomme ich schon wieder eine leichte Gänsehaut. Ich kann absolut verstehen, warum die „No Photos“ Policy hier besonders nachgehalten wird. Man muss es einfach gesehen haben.

Nobody looks like what they really are on the inside. You don’t. I don’t. People are much more complicated than that. It’s true of everybody.

Was mich aber vermutlich am meisten Beeindruckt hat, ist die Dynamik der beiden jungen Hauptdarsteller. James Bamford (The Boy) und Nia Towle (Lettie Hempstock) haben eine ganz besondere Verdingung auf die Bühne gebracht. Ihr Zusammenspiel war berührend und es war spannend zu sehen, wie sie sich im Laufe des Stücks entwickelt haben. Besonders James Bamford legt dabei eine großartige Vielfalt an Mimik und Intonierung an den Tag. Er wird von einem hibbelig-schüchternen 12-Jährigen, der sich am liebsten in seinen Büchern verliert zu jemandem, der alles für seine Freunde und Familie aufgeben würde. Mehr als einmal ertappe ich mich dabei, ihn einfach in den Arm nehmen oder ihm anerkennend auf die Schulter klopfen zu wollen. Nia Towle ist dabei nicht zwingend der Grund, aber doch der Katalysator für diese Entwicklung, denn sie nimmt ihn mit in dieses magische und gefährliche Abenteuer an den Rand zwischen den Welten. Beide haben noch vergleichsweise wenig Erfahrung und für Nia Towle ist es das Bühnendebut. Ich glaube – und hoffe – dass wir noch ganz viele großartige Dinge von den beiden zu sehen bekommen werden.

Nia Towle (Lettie Hempstock) and James Bamford (the Boy)
Photo: Manuel Harlan

Auch die übrige Cast hat einen hervorragenden Job gemacht um einen fesselnden Abend zu kreieren. Besonders sind mir dabei noch Nicolas Tennant (Dad) und Penny Layden (Old Mrs. Hempstock). Ersterer hat eine bemerkenswerte Reihe an Emotionen demonstriert. Sein Charakter hat so viele Päckchen zu tragen, dass er zwischendurch die Kontrolle verliert. Und das mit einer bedrohlichen Kühle, die mir einen Schauer über den Rücken hat laufen lassen. Das komplette Gegenteil dazu ist Penny Layden, die eine großmütterliche Wärme ausstrahlt und irgendwo zwischen uraltem Wissen und jugendlicher Nonchalance rangiert. Es war eine wahre Freude, ihr zuzusehen.

James Bamford (the Boy) and Penny Layden (Old Mrs Hempstock)
Photo: Manuel Harlan

The Ocean at the End of the Lane läuft noch bis zum 14. Mai 2022 im Duke of York’s Theatre zu sehen und ich empfehle es euch von Herzen! Es wird ein Abend sein, den ihr so schnell nicht vergessen werdet. Das Duke of York’s Theatre ist nur wenige Minuten vom Trafalgar Square entfernt und wirklich kuschelig. Ich empfehle die £15 pro Person für die Ambassadors Lounge in die Hand zu nehmen und dieses ganz besondere Stück in vollen Zügen zu genießen.

5 Gedanken zu “The Ocean at the End of the Lane im Duke of York’s Theatre London

    1. Ja, das hat sie mir schon erzählt. Wenn sie im März kommt, versuchen wir es noch einmal gemeinsam zu sehen. Das Buch habe ich tatsächlich noch nicht gelesen, habe es mir aber fest vorgenommen.

  1. Ich wollte dich zuerst fragen: Wow, du hast tatsächlich all das aufgenommen, was man wegen der Pandemie (und Omikron) gerade bei der Einreise nach England machen muss? Ich hatte nämlich deswegen meinen Londontrip Anfang Januar gecancelt und u. a. eben dieses Stück hier dadurch nicht gesehen. (Und offenbar hab ich wirklich etwas Außergewöhnliches verpasst…) 😥

    Dann hab ich weitergelesen… und bin etwas neidisch geworden. Glückwunsch zum Umzug nach London!

    1. Ja, für ein Wochenende lohnt es sich tatsächlich gerade leider nicht mit diesem Tag 2 PCR-Test und so. Auch, wenn es gerade so viele wundervolle Shows gibt, für die ich her reisen hätte wollen. Zum Glück muss ich das jetzt nicht mehr. Ich kann mich einfach auf mein Fahrrad setzen und schauen, was im West End so los ist 🙂

      Danke für die Glückwünsche! Ich erfülle mir damit einen wirklich lang gehegten Traum und habe Glück, dass mein Arbeitgeber mich (mehr oder weniger) einfach versetzen konnte. Morgen ist mein erster Tag und es ist alles super aufregend!

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