Theaterführung am Schauspielhaus Bochum

Liebe Leser,

nach der Devise „Know Your Theater“ haben Rika und ich heute dem Schauspielhaus in Bochum einen ganz besonderen Besuch abgestattet. Wer die letzten Blogposts gelesen hat, wird festgestellt haben, dass wir in letzter Zeit ziemlich häufig hier gewesen sind. Klar hat uns da auch interessiert, wie es denn hinter den Kulissen des ehrwürdigen Hauses aussieht. Zum Glück bietet das Schauspielhaus monatliche Führungen durch ihr Allerheiligstes an. Um 11:00 fanden wir uns also mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter an der Stage Door ein, ehe es nach einer kleinen Einführung direkt losging.

Wir starteten bei den Garderoben, die den derzeitig 28 fest angestellten Ensemblemitgliedern zur Verfügung stehen. Natürlich begegnen uns hier einige bekannte Namen, gerade Jana Schulz oder Matthias Redlhammer sind vielen Menschen ein Begriff. Auch, wenn sie nicht ins Theater gehen. Ich habe übrigens gelernt, dass zu Hochzeiten des Theaters das Ensemble bis zu 42 Mitglieder zählte. Schade, dass eine so große Kunst in Zeiten von Kino, Film und Fernsehen einfach nicht mehr so wertgeschätzt wird wie früher. Und das, obwohl ein Theaterticket gar nicht so viel mehr als eine Kinokarte kostet. Aber das ist heute nicht das Thema. Auf dem Gang gab es noch eine spannende Tafel zu sehen, an der viele kleine Zettel hingen. Hierbei handelt es sich um die Maskenzeiten für jedes Stück, die pro Person aufgeführt wurden. Da es sich beim Schauspielhaus Bochum um ein sogenanntes Repertoire Theater handelt (ein festes Ensemble spielt ein Repertoire aus mehreren Stücken über Monate hinweg. Das Gegenteil ist das En-Suite-Theater, bei dem immer nur ein Stück über einen längeren Zeitraum nur ein Stück gespielt wird und meist mit dem Stück auch das Ensemble wechselt), hängen etwa 25 dieser Zettel an dieser Pinwand. Das ist in meinen Augen eine beachtliche Anzahl, auch wenn sie sich über insgesamt drei Spielstädten erstreckt. Spannend zu sehen ist hier vor allem, dass selbst bei unaufwendig aussehender Maske enorm viel Arbeit dahintersteckt. Anderthalb Stunden im Schnitt, teilweise sogar bis zu zweieinhalb Stunden vor Beginn des Stückes geht es bereits los.

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Apropos los… Wenige Schritte weiter ging es durch eine schwere Stahltür und wir wurden empfangen von den Brettern, die nach wie vor die Welt bedeuten. Aufgebaut war das recht überschaubare Bühnenbild zu „A Tribute to Johnny Cash“, das aufgrund des großen Erfolges mittlerweile im achten Jahr am Schauspielhaus Bochum läuft. Damit kann es so manchem Long Runner Musical Konkurrenz machen. Der Blick von der Bühne in den Saal ist wirklich atemberaubend. 801 Plätze sind in dem denkmalgeschützten Saal installiert und während ich mir jeden Platz besetzt vorstelle, frage ich mich zum wiederholten Male, warum ich das nicht hauptberuflich mache. Natürlich nicht auf der Bühne, sondern dahinter. Dort ist es übrigens beinahe noch beeindruckender als davor. Der Ausschnitt ist bereits 7,5m hoch, doch dahinter geht es insgesamt 21 Meter in die Höhe. Mit etwa 100 Zügen können Bühnenteile, Requisiten und Co aufgehängt und verschoben werden. Der größte Hingucker (im wahrsten Sinne) ist eine große Drehbühne, die nach Bedarf heruntergelassen werden kann. Was daran so besonders ist? Well, eigentlich gar nichts. Außer, dass neben dem Schauspielhaus Bochum nur noch das Staatstheater in Moskau eine bewegliche Drehbühne hat. Alle anderen europäischen Theater haben sie fest installiert.

Durch eine unauffällige Tür geht es weiter in den Back-Backstage Bereich. Hier werden Bühnenteile und sperrige Requisiten gelagert, die regelmäßig auf- oder abgebaut werden müssen. Hier haben wir direkt einen Schatz gefunden. Vor ein paar Wochen haben wir eine ziemlich schräge Inszenierung von Romeo und Julia gesehen und das Element der großen Mauer als ziemlich cool empfunden. Hier stand sie nun vor uns. Ziemlich groß, aber es musste ja auch darauf getanzt, geliebt und gestorben werden. Wir erfahren vieles über die Requisiten, die hier gelagert werden und ehe wir uns versehen sind wir im sogenannten Malersaal. Hier werden Bühnenbilder, Kunstwerke für Produktionen und sogar Hintergründe gemalt. Beeindruckende Werke hängen an den Wänden. Und sie werden noch krasser, als die Dame vom Theater ganz nebenbei fallen ließ, hier würden einige Arbeiten von Schülerpraktikanten hängen, die sich einfach mal austoben wollten. Wie bitte?! Einen Cumberbatch-Goethe habe ich mir auch ausgesucht. Der würde einfach super in mein Wohnzimmer passen. Verkaufen wollte sie ihn mir aber nicht. Mist. Stattdessen gab es eine weitere spannende Information. Das Schauspielhaus Bochum beschäftigt die unterschiedlichsten Werkstätten direkt im Haus. Darunter die Schuhmacher, Schreiner, Schlosser, Maskenbildner und eben die Kascheure und Bühnenmaler. Für letztere bewerben sich Jährlich etwa 150 Personen auf eine Stelle. Bei den Maskenbildnern sind es sogar 250! Das ist verrückt, wenn man die traurige Geschichte einer ausgelernten Bühnenmalerin hört, die ihre Prüfung mit Bravour absolvierte und trotzdem seit acht Jahren arbeitslos ist (ah, da ist er wieder. Der Grund warum ich das Ganze nicht beruflich mache).

Der nächste Stopp sollte die Kammer werden (kurz für Kammerspiele), deren aktuelles Bühnenbild mich ganz arg an die West End Produktion von The Curious Incident oft he Dog in the Night Time erinnerte. Leider hatte es heute Derniere, wir werden also keine Gelegenheit mehr haben es zu sehen. Auch hier erfuhren wir neben interessanten technischen Details auch die ein oder andere witzige Anekdote. Zum Beispiel gab es ein Stück namens „Die Schändung“, bei dem regelmäßig vier oder fünf Gäste Kreislaufprobleme bekamen (japp, es war so widerlich) und daher bei jeder Aufführung bereits ein paar Sanitäter am Bühneneingang warteten. Kein Witz! Ärzte haben es übrigens besonders gut. Man kann sich beim Schauspielhaus Bochum anmelden und eine Vorstellung kostenlos sehen, wenn man seinen Arztkoffer mitbringt. Eigentlich ne ganz coole Idee, findet ihr nicht?

Als nächstes sahen wir uns eine Probebühne sowie die Damenschneiderei an. Hier konnten wir bereits einen Blick auf Kostüme kommender Produktionen werfen und die tollen Kleider von Sarah Grunert als Julia bewundern. Fun Fact: obwohl Damen- und Herrenkostüme eigentlich strikt getrennt sind, hängt die Amme (alias Nils Kreutinger) direkt neben denen der Julia. It’s a girl thing… Ich hätte auf jeden Fall das weiße Spitzenkleid und den hotten Body gerne einfach in die Tasche gesteckt. Wahnsinnig schöne Sache. Weniger schön war dort der Fundus des Schuhmachers, obwohl das der eigentliche Mädchentraum sein sollte. Immerhin lagern hier etwa 6.000 Paar Schuhe. Darunter ausgefallene Leo-Treter mit Plastikgoldfisch im Absatz und glitzernde Herrenstifel in Größe 43. Schon sehr cool. Cool fand ich auch, dass der Schuhmacher bereits in zweiter Generation am Schauspielhaus Bochum ist und dessen 20-jähriger Sohn auch bereits Interesse am Geschäft bekundet hat. Ich bin ja schon so ein kleiner Traditions-Fan!

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Etwa anderthalb Stunden nachdem wir das Schauspielhaus betreten haben, ging es leider auch schon wieder zurück ans Tageslicht. Die Führung war sehr kurzweilig, informativ und hat mir das Schauspielhaus noch ein gutes Stück nähergebracht. Ich kann die Führung wirklich jedem ans Herz legen, besonders den Menschen, die Theater für nicht sonderlich spannend halten. Geht es euch ansehen! Allerdings muss man den Besuch weit genug im Voraus planen. Die Führungen finden nur einmal im Monat statt und sind rasend schnell ausverkauft. Wir haben unsere Tickets für Mai schon im März besorgt. Aber das Warten lohnt sich wirklich sehr. Um euch einen noch besseren Eindruck zu verschaffen, habe ich euch noch ein paar Bilder angehängt.

Viele Grüße,

Auri der Theatergeist

 

8 Kommentare zu „Theaterführung am Schauspielhaus Bochum

  1. Sehr spannend! Ich selber gehöre zur Fraktion der studierten Literaturwissenschaftler, die selbst auch mit dem Gedanken an eine Karriere als Dramaturg gespielt haben. Als ich zum ersten Mal hinter die Kulissen getreten bin, kam mir das alles vor wie ein Traum. Ich war ebenfalls in einem großen Theaterhaus mit Repertoire-System und eigenen Werkstätten, die das gesamte Bühnenbild selbst produzieren. Es ist wirklich sehr schade, dass diese Kunst heutzutage nicht mehr so viel Wertschätzung erfährt, wie vor Zeiten des Fernsehens oder Digitalen Wandels. Danke also für deinen Blog und diese tollen Posts! So hältst du Menschen auf dem Laufenden und erweckst sicher in dem einen oder anderen eine Liebe für’s Theater!

    1. Ah, gute Dramaturgen sind heute so selten zu finden. Schade, dass du diesen Weg nicht gewählt hast. Wofür hast du dich letztendlich dann entschieden? Ich bin wieder so gepackt, dass ich mich zum Wintersemester mit fast 30 Jahren noch einmal in der Uni eingeschrieben habe. Theaterwissenschaften. Zwar neben dem Beruf und „nur“ als Hobby, aber damit erfülle ich mir einen kleinen Traum.

      Und ja, ich hoffe doch, dass sich durch diesen Blog der ein oder andere mal wieder in ein Theater verirrt, auch wenn einem während der Schulzeit konsequent die Lust daran genommen wird 😀 Wenn meine Großmutter mich nicht in wirklich spannende Aufführung mitgeschleift hätte, wäre mir das vielleicht auch so ergangen.

  2. Ich muss auch endlich mal schaffen, eine offizielle Theaterführung im Schauspiel Frankfurt mitzumachen. Leider wird das dann erst in der neuen Spielzeit unter Anselm Weber, der Bochum ja verlässt und unser neuer Intendant wird. Wurde auch erwähnt, wie viele der alten Ensemblemitglieder unter der neuen Intendanz verbleiben? Bei uns werden das nur 6 sein – ich werde die meisten sehr vermissen 😦 Mal schauen, wie die neuen so sind- Anselm Weber bringt nicht nur Leute aus Bochum mit, sondern es sind auch noch viele andere dabei. Gespannt bin ich auf die Inszenierungen, die er mitbringt.

    1. Ah, du bist ein Glückskind! Herr Weber ist ein ausgezeichneter Intendant und hat uns hier viele tolle Stücke geschenkt. Romeo und Julia bringt er euch ja mit, ich hoffe aber stark, dass er sich die Cast dafür in Bochum nur borgt. Ich würde sonst den ein oder anderen hier festbinden müssen 😀 Es wurde nicht gesagt, wie viele der aktuellen Ensemblemitglieder wechseln werden. Tatsächlich habe ich auch gar nicht darüber nachgedacht zu fragen.

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