Rosencrantz & Guildenstern Are Dead at the Old Vic Theatre London

Liebe Leser,

Tom Stoppard hat mit seiner Adaption der beiden Hamlet Charaktere Rosencrantz und Guildenstern ein wundervolles Stück Theatergeschichte geschaffen. Immer wieder wird dieses Thema aufgegriffen, neu interpretiert und wurden von Stoppard selbst im Jahre 1990 verfilmt. Damals mit Tim Roth und Gary Oldman in den Hauptrollen. Aktuell wird das Stück am Old Vic in London gegeben. Am Donnerstag fand die lang erwartete Übertragung durch NTlive statt und natürlich waren wir dabei.

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Daniel Radcliffe und Joshua McGuire Foto: Manuel Harlan

Rosencrantz und Guildenstern spielen in Shakespeare’s Hamlet allenfalls Nebenrollen. Tom Stoppart hat sie allerdings zu den tragisch komischen Helden ihrer ganz eigenen Geschichte gemacht. Man trifft sie in einem Wald irgendwo in Dänemark, wo sie seit einiger Zeit gemeinsam Münzenwerfen. Rosencrantz wettet dabei auf Kopf und gewinnt. Immer. Während er sich darüber freut, versucht Guildenstern in einem philosophischen Monolog der Sache auf den Grund zu gehen, bis er sich wundert, warum sie überhaupt in den Wald gingen und angefangen haben dieses Spiel zu spielen. Auf die Lösung kommen sie gemeinsam: sie wurden von einem Boten an den Hof des Königs von Dänemark gerufen. Folgsam wie die beiden sind, machen sie sich direkt wieder auf den Weg. Und da fängt ihre Geschichte erst richtig an.

Im weiteren Verlauf des Stückes versuchen Rosencrantz und Guildenstern sehr eifrig den Auftrag des Königs auszuführen: herausfinden was dessen Neffen Hamlet so trübsinnig macht (außer der Tatsache, dass dessen Vater kürzlich unter mysteriösen Umständen verstarb, sich der Onkel in Hamlets Abwesenheit auf den Thron geputscht und zu guter Letzt auch noch dessen Mutter geheiratet hat) und ihn natürlich auch noch aufheitern. Dass das alles nicht so einfach ist und zu absurden Szenen führt, kann man sich vorstellen. Doppelt, wenn man sich vorstellt, wie unterschiedlich Rosencrantz und Guildenstern eigentlich sind. Während Guildenstern gerne ein großer Philosoph wäre und versucht, alles zu hinterfragen und zu verstehen, bildet Rosencrantz einen beinahe kindlich einfältig wirkenden Counterpart. Erst wenn man sie kombiniert bekommt man das Gefühl einen vollständigen Charakter zu haben. Und doch sind beide so vielschichtig. Das liegt nicht zuletzt an der hervorragenden Leistung der Schauspieler.

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David Haig and Company Foto: Mauel Harlan

Generell muss ich gestehen, dass ich Daniel Radcliffe sehr kritisch gegenüber stehe. Ich bin mit ihm als Harry Potter aufgewachsen. Es fiel mir schwer, ihn anschließend als etwas anderes zu sehen. In Equus konnte ich mich gar nicht auf ihn einlassen und auch in anderen Filmen wie „Die Frau in Schwarz“ oder „Horns“ ist er sein Image in meinen Augen nicht losgeworden. Erst an der Seite von James MacAvoy in Victor Frankenstein habe ich ihn halbwegs ernst genommen. Mit der Rolle des Ronsecrantz hat er für mich allerdings bewiesen, dass er doch ein talentierter Schauspieler ist. Charmant, witzig, unvorhersehbar und großartig in der Mimik (trotz des Rauschebarts) hat er den Charakter zum Leben erweckt. Lediglich als er laut „ridiculous“ gerufen hat, habe ich mich bei der Vorstellung erwischt, wie sich Joshua McGuire in einen kreisrunden Luftballon verwandelt und mit lautem Zischen von der Bühne verschwindet. Speaking of which… Es hätte keinen besseren Counterpart geben können. Joshua McGuire, der mir die ganze Zeit über bekannt vorkam, den ich aber nach wie vor nicht zuordnen kann, ist einfach nur großartig! Seine Blicke, seine Gesten und die Intonierung seiner Monologe haben mich voll und ganz in ihren Bann gezogen. Wahnsinn, was da geleistet wurde. Die beiden haben eine vollkommene Einheit gebildet, sich die Bälle zugespielt als würden sie das schon immer so machen und dabei das Publikum einfach nur mitgerissen. David Haig, der The Player gespielt hat, den Anführer einer verrückten Wanderspielgruppe, stand den beiden in nichts nach. Leidenschaftlich ist wohl das Wort, das sein Spiel am besten bezeichnete. Ein bisschen verrückt, ein bisschen grob, ein bisschen pervers und doch komplett stimmig.

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Alex Sawyer, Tim van Eyken, Louisa Beadel and Josie Dunn Foto: Manuel Harlan

Regisseur David Leveaux und Casting Director Jessica Ronane haben ein großartiges Händchen bei der Wahl dieser Cast bewiesen. Luke Mullins gibt einen schrägen Hamlet, der auch gut in einen Vampirfilm gepasst hätte und Matthew Durkan hat als Alfred einen der liebenswertesten Supporting Charaktere gegeben, den ich seit langem gesehen habe. Aber nicht nur die Cast hat zum Erfolg des Stückes beigetragen. Besonders gelungen fand ich Kostüme von Anna Fleischle und Loren Elstein. Im Prinzip an die historische Kulisse angelehnt und dann doch modernisiert überzogen vervollständigten sie den Gesamteindruck des Stückes. Besonders die Schauspieler der Wanderspielgruppe, die die beiden Damen halb als Clowns, halb als Zombies dargestellt haben, faszinierten mich sehr. Das Set hingegen war für meinen Geschmack in der ersten Hälfte nicht besonders aussagekräftig. Lediglich zum Schluss, als ein halbes Schiff auf die Bühne gestellt wurde, ließ Anna Fleischle (die auch für das Set Design zuständig war) ein bisschen was von der Bühnenkunst sehen, für die ich die Briten so sehr feiere.

Ihr lest schon, ich überschlage mich wieder einmal vor Lob. Wenn ihr die Gelegenheit bekommen solltet, Tickets für das Stück zu ergattern (Derniere ist am 06. Mai und es gibt noch Tickets für diese und die Shows davor), dann nutzt sie! Es lohnt sich wirklich.

Bis zum nächsten Mal!
Auri der Theatergeist

6 Kommentare zu „Rosencrantz & Guildenstern Are Dead at the Old Vic Theatre London

    1. Ah, das freut mich zu hören. Ja, wie gesagt: bei der Cast haben sie wirklich ein tolles Händchen gehabt. Obwohl ich gestehen muss, dass ich auch das Tim Roth / Gary Oldman Pairing aus dem Film ganz großartig fand. Hast du die beiden mal gesehen?

      1. Nein habe ich leider nicht, aber die beiden sind großartige Schauspieler, bestimmt auch im Theater. ich kann mir gut vorstellen dass sie im Film sehr beeindruckend waren.

  1. Ich stimme dir zu, gerade auch was Joshua McGuire anbelangt! Ich wollte ihm das sooooo gern an der Stage Door sagen, dass er richtig toll war, aber er war anscheinend froh, dass vermeintlich alle nur Daniel Radcliffe sehen wollten und hat sich schnellstens verdrückt… Schade! So ging es mir mit ihm auch schon, als er mit James McAvoy in „The Ruling Class“ auf der Bühne stand. Dafür habe ich ihn mal angesprochen, als er bei Benedict Cumberbatchs „Hamlet“ in der Pause alleine in der Lobby rumlief. 🙂

    Ich habe mir das Stück ja erst live vor Ort und dann nochmal per NT Live angesehen – ist auch beim zweiten Mal noch überaus unterhaltsam gewesen! 🙂

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