One View More – Les Misérables am Broadway

Liebe Leser,

11892056_936450443080167_8917683374839914167_nNew York tut mir nicht gut. Versteht mich nicht falsch, ich liebe diese Stadt. Ja, es ist stressig hier und ja, die schlendernden, ständig stehen bleibenden Touristen gehen mir unfassbar auf die Nerven. Aber Dafür entschädigt so vieles anderes. Ich liebe es, im Central Park zu sitzen und mir einfach nur die Sonne auf den Pelz brennen zu lassen. Und es gibt ja wohl nichts schöneres, als sich am Pier der Staten Island Ferry eine freie Bank zu suchen und die vorbeiziehenden Menschen auf sich wirken zu lassen. Abends feiern im Meatpacking District. Gosh, diese Stadt ist vielseitiger als das Repertoire eines verzweifelten Understudies. Ihr wisst, was ich meine. Und doch… Die Stadt tut mir nicht gut. Denn es gibt sie, den einen Strip. Die dunkle Versuchung. Den Tod für mich und meine Geldbörse. Oh ja, ihr wisst wovon ich spreche: Broadway. Ein einfaches kleines Wort und doch so viel Drama, so viel Geschichte, so viel Talent! Und so, so wenig Zeit. Es ist Samstagabend, die Sonne ist bereits untergegangen und die ewig strahlenden Lichter des Times Square haben mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Wo soll ich zuerst hinsehen? Hier ruft eine Werbebotschaft, sie würde die erfolgreichste Show des Jahres anpreisen, dort wird von der meist diskutiertesten Neuheit gesprochen und überall flimmern die Helden meines Abendprogramms über die mehr als Lebensgroßen Bildschirme. Ein fancy Plakat hier, eine Dame mit Flyern dort. BRAIN OVERLOAD! Hilfe! Halt, stopp! Eigentlich weiß ich, was ich sehen möchte.

In der 45sten Straße, dort liegt es. Nicht gerade bescheiden fügt sich Finding Neverland zwischen Hamilton und der Stagedoor von Les Misérables ein. Eine lange Schlange von Fans wartet bereits vor der Tür, in der Hoffnung Matthew Morrison ein Autogramm und ein Foto abzuluchsen. Ja, morgen Abend werde auch ich dort stehen und ein hübsches Foto für den Blog schießen. Zumindest dachte ich das. Ich drehe mich um, sehe aus dem Augenwinkel jemanden aus einem dunklen Auto steigen. Warte.. War das nicht? Ich wechsle die Straßenseite und erhasche einen besseren Blick. Jap. Ganz eindeutig. Mr. Ramin „oh my God this voice“ Karimloo huscht beinahe unbemerkt an den wartenden Leuten vorbei ins Imperial Theater. Das hatte ich vergessen. Also, natürlich war mir nicht entgangen, dass my second favorite Valjean irgendwann in letzter Zeit am Broadway herum turnte, aber ich hatte vollkommen aus den Augen verloren, dass er nach wie vor in Les Misérables singt. So viel zu meinen Finding Neverland Plänen. Mist. Einmal konsequent bleiben. Am nächsten Morgen stand ich also hin- und her gerissen im Box Office. Und ja, die Entscheidung ist auf das große Stück über wahnsinnig viel Elend gefallen. Wieder einmal.

11826076_839940016121076_8976387157490925067_nIch habe aufgehört zu zählen, wie oft ich Les Misérables bereits gesehen habe. Aber ich kann euch versichern, dass ich jedes einzelne Mal mitgefiebert, gelitten, gelacht und verdammt viel geweint habe. Auch dieses Mal war es nicht anders. Das beeindruckende Bühnendesign von Matt Kinley überzeugte von der ersten Sekunde an mit viel Liebe zum Detail, ohne überladen zu sein. Dunkel, bedrohlich und beengend, vom ersten bis zur letzten Augenblick. Selbst Thénardier’s Wirtshaus wirkte trotz der fröhlich makaberen Musik einfach nur bedrückend. Gut so! Die Kostüme von Andreane Neofitou und Christine Rowland kamen ohne viel Kitsch und ohne viel Schnickschnack aus. Sie orientierten sich an früheren Versionen, nicht jedoch ohne einen Teil kreativer Eigenleistung zu bringen. Ausgesprochen erfrischend.

11817280_839940076121070_5624319225385307230_nErfrischend war auch die Cast. Les Misérables bereitet ein Feuerwekr an Broadway Debüts, First-Timers und Co. Mein großes Kompliment geht an Erika Henningsen, die als Fantine ihr Broadway Debüt gibt. Bisher war sie ein eher unbeschriebenes Blatt. Mit der abgelieferten Leistung sollte das allerdings nicht mehr lange so bleiben. Sauber, auf den Punkt und ausgesprochen Emotional begeisterte sie mich sehr. Gleiches galt für Kyle Jean-Baptiste, der als Constable und später als Courfeyrac zwar nur recht kleine Auftritte hatte, aber eine ganz wunderbare Bühnenpräsenz sein eigen nennen kann. Ein wenig Recherche ergab, dass er sich sein Casting als erster afroamerikanischer Valjean mehr als verdient hat. Apropos verdient. Ein weiteres Lob hat sich Mr. Joseph Spieldenner verdient. Es dürfte kein Geheimnis sein, dass Hadley Fraser mein all time favorite Grantaire EVER ist. Aber Joseph kam mit seiner Performance sehr, sehr nah an mein Ideal heran. Er spielt ihn weniger als Trunkenbold, sondern viel mehr als den Charakter, der er im Buch ist. Ein junger Mann, der an seinem Leben hängt und die Revolution mehr als nur einmal in Frage stellt. Herrlich anzusehen! Ich musste sehr schmunzeln, als er mich im Nachgang in einem kurzen Gespräch fragte, wie um alles in der Welt ich seinen Charakter mögen könne, da Grantaire doch eigentlich eher ein Idiot und Mistkerl ist. Well, so hat jeder seine ganz eigene Sichtweise.

Kommen wir also zu den Hauptrollen. Enttäuscht war ich von Chris McCarrell. Ich gebe zu, dass er es ohnehin schwer hatte. Ich mag Marius einfach nicht. Hinzu kommt, dass er stimmlich wie optisch eine ungewöhnlich starke Ähnlichkeit mit Nick Jonas, den ich neben Eddie Redmayne die größte Katastrophe fand. Irgendwie brüchig, irgendwie hm. Gleiches gilt für Brennyn Lark, die mich als Eponine leider mehr als nur enttäuscht hat. Nicht nur, dass sie On My Own versiebt hat, auch ihr Spiel in A Little Fall of Rain war leider nicht gut. Ja, sie darf glücklich darüber sein, endlich in den Armen ihres Marius zu liegen. Aber dümmliches Dauergrinsen in einer emotionalen Sterbeszene? Hm. Ich weiß ja nicht… Dafür war Cosette großartig. Samantha Hill hat ihre Sache wirklich gut gemacht. Glockenklar und sauber performte sie ihre Songs. Dazu hatte sie ein leichtes, beinahe elfenhaftes Spiel, das ihrer Cosette etwas Entrücktes gab. Sehr schön.

11873472_839939869454424_4363449634593337122_nJa, ich weiß worauf ihr wartet. Zuerst muss aber noch Earl Carpenter erwähnt werden. Ich liebe diesen Kerl einfach. Sein Javert ist wundervoll getrieben, beinahe gehetzt und dennoch ausgesprochen akkurat und korrekt. Er hat eine tolle Haltung und füllt die Uniform mit so viel Stolz und Gesetzestreue, dass einem eine Gänsehaut überkommt. Nicht nur Stars hatte eine Intensivität, die man beinahe greifen konnte. Earl’s Soliloquy hat mir die Tränen in die Augen getrieben (nicht das erste Mal im Verlauf des Stückes, aber für mich vollkommen unerwartet). Ja, ja, ja. Genau SO sollte ein Javert klingen.

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Stimmlich harmoniert er übrigens auch ausgesprochen gut mit Ramin Karimloo, was vor allem die Konfrontation angenehm zu hören gestaltete. Somit wären wir dann auch schon bei meinem persönlichen Highlight. Ramin scheidet vermutlich die Geister. Er hat eine ganz eigene Art zu singen und zu spielen. In meinen Augen macht er das jedoch wunderbar. Seine Stimme überschlug sich hier und da, wenn er besonders in Rage gespielt war, aber das macht ihn irgendwie auch nur menschlicher. Er hat sehr viel Ausdruck und selbst das von mir so gehasste Bring Him Home hätte ich an diesem Abend gern ein weiteres Mal gehört. Seine Bühnenpräsenz ist einerseits sehr einnehmend, doch weiß er sich auch gut zurückzunehmen, wenn ein Detail im Vordergrund steht. Herrlich!

Der gelungene Abend wurde von der Tatsache gekrönt, dass ich nach dem Verlassen des Imperial Theaters irgendwie direkt neben der Stage Door stand und Cast-Pokemon gespielt habe. You gotta catch them all. Während einige der Herrschaften sich ziemlich zügig aus dem Staub gemacht haben, nahm sich der ein oder andere Zeit für ein kurzes Gespräch und das ein oder andere Foto. Besser konnte der Abend also nicht enden.

In ein paar Wochen bin ich vermutlich wieder in New York. Vielleicht schaffe ich es dann endlich, Finding Neverland zu sehen. Allerdings übernimmt Alfie Boe zum 1. September 2015 die Rolle des Valjeans. Ihr könnt euch denken, dass ich wieder in einer Zwickmühle stecken werde…

Viele Grüße,
Auri der Theatergeist

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