Ich möcht‘ so gern ein Held sein…

Liebe Leser,

Shrek_Keyvisual_96dpi-RGB_hoch_13x18_01vor einiger Zeit, genauer gesagt am 19. Oktober dieses Jahres hat sich für mich ein kleiner Traum erfüllt. Ich durfte nicht nur für das große Onlinemagazin that’s musical eine Rezension schreiben, diese Rezension war sogar noch mit einem Premierenbesuch des Tourmusicals Shrek verbunden (den Originalbeitrag gibt es übrigens hier zu lesen). Die Deutschsprachige Uraufführung ließ mein Herz schon Tage vorher höher schlagen. Selbstverständlich musste ein ogergrünes Kleid her, passendes Make-Up, Haare, ooooh!

Und dann war es endlich soweit. Eine schöne strahlende Welt erwartete den kleinen Oger Shrek allerdings nicht, als seine Eltern ihn mit gerade einmal sieben Jahren aus dem Haus jagten. So, wie es sich für treusorgende Oger-Eltern nun einmal gehört. Liebevoll werden ihm die Augen verbunden, er wird einmal links herum, einmal rechts herum gedreht, ehe ihm der Geburtstagskuchen vom Tablett stibitzt wird. Allein und ohne Hilfe muss er sich auf in ein neues Leben machen.

Pinoccio ist mit den Umzugsplänen überhaupt nicht einverstanden. Foto: Jens Hauer
Pinoccio ist mit den Umzugsplänen überhaupt nicht einverstanden.
Foto: Jens Hauer

Mit diesem herzzerreißend niedlichen Bild entführt das Musical „Shrek“ mit Texten von David Lindsey-Abaire in der deutschen Übersetzung von Heiko Wohlgemuth und Kevin Schroeder das Publikum im Capitol Theater Düsseldorf in die Märchenwelt von Duloc. Hier führt der Zwergenmischling Lord Farquaad ein strenges Regiment. Fabelwesen haben in seinem perfekten Land nichts verloren. Kurzerhand werden Pinocchio, Rotkäppchen und Co. in den nahegelegenen Sumpf verbannt. Ganz recht, genau in den Sumpf, den der mittlerweile erwachsene Shrek für sich beansprucht. Chaos ist vorprogrammiert. Damit wieder Ruhe und Ordnung in seinem Leben einkehren kann, erklärt der Oger sich bereit, nach Duloc zu gehen und dem kleinen Lord gehörig die Meinung zu sagen.

Was als kurze Stippvisite begann, entwickelt sich bald zu einem handfesten Abenteuer, inklusive Rettung einer Prinzessin, Kampf mit einem Drachen und Knüpfen neuer Freundschaften. Ein Märchen, wie es im Buche steht. Nun, fast. Denn der Held ist ein Oger, die Prinzessin verflucht und das edle Ross ein überdrehter aber liebenswerter Esel.

Was einem bei dieser Produktion als erstes positiv ins Auge fällt, ist das abwechslungsreiche Bühnenbild von Sam Madwar. Der düstere Sumpf ist liebevoll und detailreich gestaltet, ohne dass man sich darin verliert. Fionas Turm – ein wenig kärger, aber nicht weniger reich verziert (man beachte die Fenster) – lässt der Fantasie viel Raum sich zu entfalten. Duloc hingegen besticht durch seine künstlich perfekte Fassade und die kerkerartigen Gemächer des Lord Farquaad. Unterstützt werden die realen Bühnenteile von großflächigen Projektionen, die dem Publikum ein zusätzliches Gefühl von Tiefe geben. Andrew Voller versteht es, Madwars Welt mit stimmungsvoller Lichtsetzung zu untermalen.

Shrek erklärt die Oger-Zwiebel Theorie Foto: Jens Hauer
Shrek erklärt die Oger-Zwiebel Theorie
Foto: Jens Hauer

Ebenfalls hervorzuheben ist die aufwändige Maske, der sich nicht nur Shrek jeden Tag etwa zwei Stunden lang unterziehen muss, sondern auch die übrigen Märchengestalten. Sarah Kleindienst und ihr Team haben hier ganze Arbeit geleistet. Hunderte falscher Hände und Hexennase, frisierte Perücken und Augenbrauen sind im Einsatz. Die vielseitigen Kostüme haben Mario Reichlin und sein Team in mühevoller Handarbeit gefertigt. So wurde beispielsweise jede einzelne Strähne des wuscheligen Eselfells per Hand befestigt. Doch die Mühe der kreativen Köpfe hat sich mehr als gelohnt, denn sie haben ein rundum harmonisches Bild geschaffen. Für besondere Lacher im Publikum sorgt Pinocchios Nase, die bei einer Lüge tatsächlich länger wird. Herrlich.

Der Drache ist der heimliche Star. Foto: Jens Hauer
Der Drache ist der heimliche Star.
Foto: Jens Hauer

Ein weiteres Highlight ist der aus den Niederlanden mitgebrachte Drache. Die riesige rosarote Lady wird von vier Ensemblemitgliedern bespielt. Weniger elegant gelöst hat der ansonsten sehr souverän inszenierende Regisseur Andreas Gergen an dieser Stelle den Auftritt von Deborah Woodson, der Stimme des Drachen. In einem schillernden Kostüm in Schwarz und Pink drückt sie sich am Bühnenrand herum, während Esel, Drache und weitere Ensemblemitglieder den Großteil der Bühne für sich beanspruchen. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird an dieser Stelle auf eine harte Probe gestellt. Stimmlich macht Woodson allerdings deutlich, wer der Star auf der Bühne ist. Rauchig, soulig und ausgesprochen kräftig macht es Spaß, ihr zuzuhören.

Gleiches gilt für Andreas Lichtenberger, der den Oger Shrek witzig und ein wenig verschroben aber mit viel Herz verkörpert. Dabei gelingt es ihm mühelos und glaubwürdig, zwischen schmissigen Rocksongs und ruhigen Tönen zu variieren. Ebenso gelungen ist die Besetzung der Prinzessin Fiona. Bettina Mönch versteht sich bekanntlich auf komische Rollen und kann erneut ihr gesangliches, schauspielerisches und auch tänzerisches Talent auf die Bühne bringen. Sie ist charmant, wortgewandt und trotz ihrem royalen Selbstverständnis alles andere als eine feine Lady.

Das unglaublich kostümierte Ensemble ist eindrucksvoll. Foto: Jens Hauer
Das unglaublich kostümierte Ensemble ist eindrucksvoll.
Foto: Jens Hauer

Den Esel hingegen spielt Andreas Wolfram nervtötend und doch so hinreißend liebenswert. Wenn er spricht, hat man das unbestimmte Bedürfnis, ihm den Mund zu verbieten. Wie ein Wasserfall purzeln die Worte – durchaus rollengerecht – undgebremst aus ihm heraus, so dass man sich fragt, wann er Zeit zum Atmen findet. Fängt Wolfram jedoch an zu singen, hat mein ein kleines Aha-Erlebnis. Mit einer samtweichen Elvis-Gedächtnis-Stimme rockt er die Bühne und zeigt, dass der Esel eben mehr als nur ein überdrehter Sidekick ist.

Alles andere als der typische Bösewicht ist Carsten Lepper als Lord Farquaad. Zwar ist er ekelhaft gemein und dezent größenwahnsinnig. Doch schimmert an der einen oder anderen Stelle auch die tragische Kindheit des kleinen Lords durch, der es im Leben nicht leicht hatte. Lepper absolviert die Show komplett auf Knien, parodiert diese Rolle auf herrliche Weise und weiß dabei sowohl schauspielerisch wie gesanglich zu überzeugen.

Drei Fionas auf der Bühne. Foto: Jens Hauer
Drei Fionas auf der Bühne.
Foto: Jens Hauer

Die größten Stars sind an diesem Abend allerdings die Kleinsten. Emmi Lee Eppstein verkörpert in der besuchten Vorstellung die kleine Fiona. Sie ist eines von sechs Mädchen, die sich diese Rolle in Düsseldorf teilen. Souverän bewegt Emmi Lee sich über die Bühne, als würde sie nichts anderes machen. Andreas Gergen beweist an dieser Stelle sein Händchen für die Arbeit mit Kindern. Und auch Georgie Bakopoulus, der als einer von sechs Jungen den jungen Shrek spielt, zeigt, dass er sich auf der Bühne rundum wohl fühlt.

Spaß an der Show hat das gesamte Ensemble – und das überträgt sich mühelos auf das Publikum. Neben begeistertem Szenenapplaus gibt es stehende Ovationen im Finale. Hier haben sich die Macher des Musicals etwas ganz Besonderes ausgedacht. Zu einer Karaokeversion des Smash Mouth Klassikers „I‘m a Believer“ feiern die Märchenfiguren eine ausgelassene Party, bei der mit einer kleinen Kamera alles eingefangen und auf den großen Bildschirm, der vorher noch das Bühnenbild unterstützt hat, projiziert wird. Hierbei werden auch die Band, die Technik und viele weitere Personen hinter der Bühne in das Schauspiel mit einbezogen. Ein Erfolg auf ganzer Linie!

Viele Grüße,
Auri der Theatergeist

Ein Kommentar zu „Ich möcht‘ so gern ein Held sein…

  1. Gerade habe ich den Beitrag in den Tiefen deines Blogs entdeckt und plötzlich wieder in Erinnerungen geschwelgt. Hach, Shrek in Düsseldorf war so wunderbar. Das Musical ist so unterbewertet und einfach viel mehr als nur die kommerzielle Themenpark-Show, die man vielleicht erwarten würde. Jeanine Tesori hat einen so tollen Score geschrieben und wie du sagtest, die Inszenierung war klasse.

    Es ist so schade, dass von der Tour keine CD entstanden ist. Nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe, denke ich über einen Ausflug nach Tecklenburg im Sommer nach, ich vermisse das Stück wirklich. 😀

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