Korruption, dein Freund und Helfer

Liebe Leser,

The Company (Ensemble) Photo: Johan Presson
The Company (Ensemble)
Photo: Johan Presson

am Donnerstag hat das National Theatre wieder zu einer Übertragung in die Deutschen Kinos geladen. Anders als sonst, habe ich diesmal die Möglichkeit in Berlin wahrgenommen. Im Sonycenter kommt man sich ja immer ein bisschen besonders vor. Immerhin finden hier die meisten Deutschlandpremieren großer Filme statt. Der rote Teppich ist quasi dauerhaft ausgerollt und dem Teenie-Andrang auf dem Potsdamer Platz nach zu urteilen, scheine ich etwas großes nur um Minuten verpasst zu haben. Berlin ist voller Glitzer und Glamour, das Stück über das ich euch heute berichten möchte
könnte gegensätzlicher nicht sein.

A Small Family Business handelt von einem sehr ambitionierten Familienmenschen mit starken moralischen Vorstellungen, der das Unternehmen seines Schwiegervaters übernimmt. Nach und nach bröckelt die Fassade seiner heilen Welt und er muss erfahren, dass seine Freunde und Verwandte allesamt ein dunkles Geheimnis haben. Alan Ayckbourn, der mittlerweile 78 Theaterstücke geschrieben hat und damit der produktivste Englische Bühnenautor ist, hat hier ein Stück geschrieben, dass zeitlos ist. 1987 uraufgeführt, thematisiert es neben Korruption auch Familien und soziale Verhältnisse. Auch wenn die Presse und der aktuelle Regisseur Adam Penford das Stück als politisch betrachten, wehr Ayckbourn sich vehement dagegen ein politischer Autor zu sein. Für ihn handelt es sich um eine Geschichte, die die Krankheit unserer Gesellschaft beschreibt, die Fragen nach Moral und Anstand und nach Grenzen stellt. Das gelingt Ayckbourn sehr gut. Und Adam Penford inszeniert das Stück ohne Änderungen. 27 Jahre nach der Uraufführung im Olivier Theater (übrigens eines von nur vier Stücken, das nicht in Ayckbourns Heimatort uraufgeführt wurde), gab es natürlich Überlegungen die Handlung in das Jahr 2014 zu transferieren. Doch das war gar nicht notwendig.

Beeindruckendes Bühnenbild von Tim Hatley Photo: Johan Persson
Beeindruckendes Bühnenbild von Tim Hatley
Photo: Johan Persson

Das Stück wirkt, nicht nur durch das großartige Bühnenbild von (mehrfachem) Tony und Olivier Award Gewinner Tim Hatley. Er hat ein ganzes Haus auf die Bühne gestellt. Zu beginn des Stückes sieht man die Front, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurde. Typisch britischer Backstein, perfekter Rasen, weiße Fenster. Das Bühnenbild strotzt nur so vor Familienidyll. Die drehbare Bühne offenbart nur wenige Augenblicke später eine liebevoll gestaltete Bühne über zwei Etagen und zwei Ebenen. Die vordere Ebene unterteilt in Küche, Eingangsbereich und Wohnzimmer ist durch verschiedenen Bodenbelag und Türrahmen mit Teilwänden gezeichnet. Die Einrichtung ist passend, die Farben 80er gerecht und in Pastelltönen gehalten. Die zweite, hintere Ebene besteht aus einer Art Bar und dem Esszimmer, das man nicht zu Gesicht bekommt. In der zweiten Etage gibt es den Master Bedroom, das Badezimmer und zwei weitere Schlafzimmer, die gerne auch als Auf- und Abgänge genutzt werden können. Ebenfalls in das Bild fügen sich die Kostüme, für die Jack Galloway verantwortlich war. Typisch 80er, farbenfroh mit Schulterpolstern und kastigen Schnitten. Auch die Frisuren und das Make-Up passen perfekt.

Überraschungsparty The Comapny and Jack McCracken (Nigel Lindsay) Photo: Johan Persson
Überraschungsparty
The Comapny and Jack McCracken (Nigel Lindsay)
Photo: Johan Persson

Der Inhalt, wie eben schon angesprochen, ist allerdings nicht so froh. Ja, der Britische Humor ist generell etwas düster. A Small Family Business geht jedoch noch einen Schritt weiter. Ich habe herzlich über so viele Dinge gelacht, die eigentlich tragisch waren. Jack McCracken (herrlich porträtiert von Nigel Lindsay) kommt nach seinem letzten Arbeitstag nach Hause. Er steht kurz davor, das Unternehmen seines Schwiegervaters zu übernehmen und wünscht sich in diesem Augenblick nichts mehr, als seine Ehefrau Poppy (Debra Gillett) ins Schlafzimmer zu ziehen. Dass die ganze Familie zu einer Überraschungsparty zusammen gekommen ist, wird ihm peinlich bewusst, als er in Unterwäsche als Eric the Hairy das Wohnzimmer erstürmt. Dort befinden sich der leicht verwirrte Ken, bisher Patriarch des Unternehmen Ayres and Graces. Poppy, seine Tochter und Jacks Frau. Cliff , Jacks Bruder und dessen Frau Anita (von der wir noch viel sehen werden). Darüber hinaus noch Samantha und Tina, die Kinder der McCrackens und einige andere Familienanhänge. Jack überspielt die peinliche Situation und setzt zu einer Rede über Moral und Ehrlichkeit, die das Familienunternehmen stärken soll. Er wird unterbrochen von Benedict Hough (eindrucksvoll widerlich gespielt von Matthew Cottle), der auf der Suche nach McCracken Tochter Samantha ist. Sie ist gerade in einer pubertären Phase, lehnt sich auf, trägt punkige Klamotten und hat allem Anschein nach in einem Laden Produkte im exorbitanten Wert von £ 1,87 gestohlen. Der penible Pflichterfüller Hough macht Jack McCracken ein ausgesprochen unmoralisches Angebot. Er würde von der Verfolgung dieser Straftat absehen, wenn Jack ihn für sein Unternehmen anstellt. Zunächst entrüstet, lässt der neue Geschäftsführer sich nach reichlichem zureden verschiedener Familienmitglider doch auf das Angebot ein. Und tritt damit eine Lawine los, die er sich so vermutlich nie erträumt hat.

Anita McCracken (Niky Wardley) Photo: Johan Persson
Anita McCracken (Niky Wardley)
Photo: Johan Persson

Irgendjemand scheint die Möbel von Ayres and Graces unter der Hand und ohne Lable an ein italienisches Unternehmen zu verkaufen, dass damit den Profit macht, den das Small Family Business gut gebrauchen könnte. Bei näherer Recherche stellt sich heraus, dass so ziemlich jeder aus der Familie an diesem Coup beteiligt war. In seiner Ehre gekränkt aber hin und her gerissen zwischen familiärem Pflichtgefühl und moralischem Dilemma schlittert Jack McCracken durch die nächsten Tage. Unter dessen bahnt sich zu Hause eine weitere Katastrophe an, denn Tochter Sam scheint – unbemerkt von allen anderen – in Drogenprobleme zu rutschen. Jacks Schwager möchte sich mit Firmengeldern nach Spanien absetzen, Anita hat eine Affäre mit fünf Italienischen Brüdern (die die ungelabelten Möbel kaufen und verkaufen), sein Bruder bemerkt das nicht und ist ihr weiterhin hörig. Der beschränkte Ehemann seiner Tochter hängt auch irgendwie mit drin und Jack wird Stück für Stück von seiner eigenen Familie korrumpiert.

Samantha McCracken (Alice Sykes) Johan Presson
Samantha McCracken (Alice Sykes)
Johan Presson

Am Ende steht der erste (und einzige?) gezeigte Bühnentod eines Charakters in den Stücken Alan Ayckbourns und die Frage: Und nun? Doch die Lösung dieses Problems offenbart der Autor uns nicht. Statt dessen bleiben für mich noch weitere Fragen offen. Zum Beispiel erwähnt Poppy mehrfach, dass das alles ihre Schuld ist. Warum, frage ich mich. Natürlich, sie hat zu Beginn des Stückes ihren Mann gedrängt, ihre Tochter vor einer Strafe zu schützen, aber sich deshalb für die Tragödie des Stückes verantwortlich zu zeigen? Vielleicht ist mir auch etwas entgangen. Das größte Fragezeichen ist für mich jedoch Samantha, der Auslöser der Misere. Auch wenn ich verstanden habe, dass es ihre Aufgabe ist unscheinbar, ja geradezu unsichtbar zu sein, frage ich mich warum ihre Figur nicht eingehender beleuchtet wird. Immerhin ist sie auch hauptverantwortlich bei der Eskalation des Stücks. Zu gern hätte ich mehr über sie erfahren.

Auch wenn dieser Review bisher nicht mein gewohnt euphorisches Wording zeigt, bin ich absolut begeistert von diesem Stück. Es ist faszinierend den McCrackens bei ihrem langsamen Verfall zuzusehen. Die Rollen sind toll besetzt und die Schauspieler haben eine großartige Leistung gezeigt. Der Grund, warum ich mich für einen sachlichen, ausführlicheren Review entschieden habe, ist die Thematik des Small Family Business. Alan Ayckbourn zitiert hier gern eine Dame, die er bei einer der Aufführungen 1987 folgendes sagen hörte:

“If I’d known what I was laughing at when I was laughing, I wouldn’t have laughed.”

True words. A Small Family Business ist auf jeden Fall ein sehr sehenswertes, zeitloses und brandaktuelles Stück. Wer die Gelegenheit hat, es zu sehen, sollte sie nutzen. Soweit ich weiß, gibt es auch eine Radioadaption, die ich versuche aufzustöbern. Wie immer, hat das National Theatre hier eine atemberaubende Arbeit abgeliefert, die mich wie so oft die Standards des Deutschen Theaters in Frage stellen lässt.

Ergebene Grüße,
Auri der Theatergeist

 

 

Ein Kommentar zu „Korruption, dein Freund und Helfer

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