Außerdem sind Hunde treu und sie lügen nicht, weil sie nicht reden können…

Liebe Leser,

erinnert ihr euch noch daran, wie begeistert ich von Coriolanus war? Ich glaube ich sagte, dass ich nie etwas besseres gesehen habe und das Tom Hiddleston eine Leistung zeigte, die ihresgleichen nie finden wird. Äh ja, ich sollte aufhören in den Rahmen von Deutschen Theatern zu denken. Denn das Stück, das ich letzte Woche sehen durfte ist zwar thematisch und vom Bühnenbild in keinster Weise mit Josie Rourke’s Shakespeare Adaption zu vergleichen, übertraf aber in jeglicher Form meine Erwartungen. The Curious Incident of the Dog in the Night-Time ist ein wahres Feuerwerk an schauspielerischer Leistung, interessanter Geschichte, großartiger Choreografie und einem ausgefallenen Bühnenbild. Hier der absolut gelungene Trailer:

Luke Treadaway Foto: Manuel Harlan
Luke Treadaway
Foto: Manuel Harlan

Christopher, ein 15-jähriger Autist kniet neben einem toten Hund aus dem eine Mistgabel ragt. Natürlich schlussfolgert die schockierte Besitzerin Mrs. Shears, der Junge wäre für diese Tragödie verantwortlich und ruft die Polizei. Die Grundlage für einen kurzweiligen Theaterabend ist geschaffen. Natürlich war Christopher lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. Und doch lässt ihn die Geschichte nicht los. Der Junge macht sich also daran, Ermittlungen anzustellen um herauszufinden, wer Wellington (so der Name des bedauernswerten Vierbeiners) tatsächlich umgebracht hat. Dabei stößt er auf Unverständnis und Widerstand, vor allem bei seinem Vater, zu dem er sonst ein sehr gutes Verhältnis hat. Seit Christophers Mutter vor zwei Jahren an einem Herzproblem verstarb, sind die beiden Männer auf sich allein gestellt und machen das beste aus ihrer Situation. Im Laufe des Stücks, auf dessen Handlung ich nicht groß eingehen will, da ihr es euch auf jeden Fall ansehen müsst wird diese Beziehung in ihren Grundfesten erschüttert, was Christopher dazu bewegt sich ganz allein auf den Weg nach London zu machen. Hauptsache weg von zu Hause.

Christopher in der U-Bahn Foto: Manuel Harlan
Christopher in der U-Bahn
Foto: Manuel Harlan

Eine atemberaubende Reise beginnt, die durch die ansprechende Choreografie von Scott Graham und Steven Hoggett ausgesprochen spannend gestaltet wird. Den Trubel an Londoner Underground Stationen stellen sie beispielsweise in einer Choreografie dar, die das Ensemble fein säuberlich in Reih und Glied um den Protagonisten herum spielen lassen. Sie drehen und wenden sich, wechseln die Richtung und scheinen alle ihrem Ziel entgegen zu streben. Christopher wird dabei von Links nach Rechts gedrängt ohne aus diesem Kreis ausbrechen zu können. Zwischendurch wird er angehoben, ein Spielball der Menge. Es war einfach nur toll anzusehen, wie viel Kreativität und Liebe zum Detail in dieser Arbeit steckt. Das Bühnendesign der Preis gekrönten Bunny Christie tat ihr übriges. Ein Raster aus LED’s auf dem Bühnenboden und verschiedene Projektionen erschufen einen technischen, ja beinahe futuristischen Raum. Zwischendrin zeichnete Christopher mal hier, mal dort etwas mit Kreide oder baute eine elektrische Eisenbahn auf. Die Mischung von sehr klassischen mit sehr modernen Elementen ist hier absolut gelungen.

Chaos at Peddington Station. Foto: Manuel Harlan
Chaos at Peddington Station.
Foto: Manuel Harlan

Schauspielerisch war auch The Curious Incident ein Traum. Allen voran steht Luke Treadaway, der für seine Darbietung des autistischen Christopher einen Olivier Award as Best Actor gewann. Mehr als verdient! Mr. Treadaway hat sich im Vorfeld sehr intensiv mit Autisten auseinander gesetzt, verschiedene Schulen besucht und Menschen kennen gelernt. Diese Vorbereitung hat sich ausgezahlt. 2 1/2 Stunden am Stück ist er auf der Bühne zu sehen und kein einziges Mal fällt er aus der Rolle. Mimik, Gestik, die Art wie er die Lippen vorschützt, wie sein Blick umherirrt und wie er spricht. Es ist ein Hochgenuss! Ich glaube, dass ich teilweise mit weit offenem Mund und großen Augen einfach nur gestaunt habe. Nun, daneben verblasste die Leistung des restlichen Ensembles ein wenig, aber das ist Jammern auf hohen Niveau, denn Una Stubbs ist natürlich eine Meisterin ihres Faches und nicht weniger gut gewesen. Auch Paul Ritter in der Rolle des Vaters machte eine hervorragende Figur. Habe ich erwähnt, wie großartig Luke Treadaway war? Mein Gott, dass der Junge mir vorher nie aufgefallen ist. Er ist nämlich kein unbeschriebenes Blatt, oh nein.

Habe ich etwas vergessen? Nein, ich glaube nicht. Jeder weitere Satz wäre doch nur eine Lobeshymne auf die oben genannten Elemente. Die Produktion war absolut gelungen. Das Stück endete mit der großartigen Frage „Does that mean I can do anything?“. Nach diesen 2 1/2 Stunden war die Antwort eindeutig (auch wenn sie nicht formuliert wurde): Ja, Christopher!

Ergebene Grüße,
Auri der Theatergeist

 

 

 

 

5 Kommentare zu „Außerdem sind Hunde treu und sie lügen nicht, weil sie nicht reden können…

  1. Das war wirklich ein fantastisches Stück! Ich habe es in London im Apollo live gesehen und vor einigen Tagen noch einmal im Kino. Das Bühnendesign ist mit das Beste, was ich je gesehen habe!

    1. Oh wie beneidenswert! Ich hoffe du warst nicht da, als das Theater eingestürzt ist. Ich habe mich gefragt, ob das Bühnenbild wohl genau so wirkungsvoll war, wenn man im Theater sitzt. Die Rolltreppe und die Projektionen, waren die gut zu sehen?

      Liebe Grüße,
      Auri der Theatergeist

      1. Jip. Außerdem waren die Primzahlen-Sitze besondere Sitze. Wenn die Buchstaben des eigenen Namens zusammengezählt auch eine Primzahl ergaben, bekam man ein Geschenk. Ach, das war alles so prima!!

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