König Lear – Nimm deine Wahrheit denn zur Mitgift

Liebe Leser,

ja ich bin ein bekennender Shakespeare-Fan. Das ist sicherlich bei der Rezension der Coriolanus Produktion des Donmar Warehouses schon deutlich geworden. Gestern durfte ich Zeuge einer weiteren Liveübertragung aus London werden. Gegeben wurde, wie der Titel vielleicht schon verraten hat „King Lear“ und zwar im National Theatre. Die Regie übernahm Sam Mendes, der unter anderem Filme wie American Beauty und Skyfall  inszenierte. Ihr könnt euch also vorstellen, dass die Latte an Erwartungen bei mir sehr hoch lag. Und ich wurde nicht enttäuscht.

King Lear (Simon Russell Beale) and the Fool (Adrian Scarborough). Photo: Mark Douet.
King Lear (Simon Russell Beale) and the Fool (Adrian Scarborough).
Photo: Mark Douet.

King Lear ist ein Drama um den alternden König, der sein Reich unter seinen drei Töchtern GonerilRegan und Cordelia (großartig gespielt von Kate Fleetwood, Anna Maxwell Martin und Olivia Vinall) aufteilen möchte. Er veranstaltet eine Art Liebestest, in dem jeder der jungen Frauen ihre Liebe zu ihm beschreiben soll. Wider erwarten ging seine Lieblingstochter Cordelia jedoch nicht als Siegerin daraus hervor. Im Gegensatz zu ihren Schwestern lag es der Prinzessin fern ihrem Vater Honig um den Bart zu schmieren, nur um ein größeres Stück des Kuchens zu erlangen. Für ihre Aufrichtigkeit fand sie allerdings nichts als Verbannung. Der Graf von Kent (Stanley Townsend brillierte hier), der treueste Berater des Königs übt an dieser Entscheidung Kritik und teilt darauf das Schicksal der Prinzessin. An dieser Stelle, direkt zu Beginn des Stückes, wird deutlich dass Lear nicht unbedingt die besten Urteile fällen kann.

King Lear (Simon Russell Beale) and Edgar (Tom Brooke) Photo: Mark Douet
King Lear (Simon Russell Beale) and Edgar (Tom Brooke)
Photo: Mark Douet

Von seinen verbleibenden Töchtern Goneril und Regan erwartet der König nichts weiter, als dass sie ihm seinen Lebensabend finanzieren und 100 Ritter zu seinem Schutz abstellen. Die beiden Frauen sind sich jedoch schnell darüber einig ihren Vater aus der Welt zu schaffen. Schnell fällt der einstige König immer tiefer, während sich um ihn herum eine Intrige nach der anderen entspinnt und der Zuschauer Mühe hat zu folgen, wenn er auch nur einen Augenblick unachtsam war. Das tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch, sondern motiviert meiner Meinung nach nur noch genauer hinzusehen und zu hören. Es ist nämlich eine wahre Freude zu sehen, wie Simon Russel Beale den langsam dem Wahnsinn verfallenden König Leben einhaucht. Die Präzision, mit der er immer wieder Kleinigkeiten an seinem Spiel verändert, um die verschiedenen Stufen einzuläuten ist beeindrucken. Hier ein nervöses Zucken der Hand, dort eine winzige Kopfbewegung. Weniger ist in diesem Fall wirklich mehr gewesen. Gleiches gilt für Tom Brooke, der in einer Nebenhandlung (die zu einer waschechten Intrige heranwächst) den leicht autistisch wirkenden Edgar of Gloucester gibt. Auch ihn ereilt das Schicksal eines Verstoßenen, was zusätzlich an seinem Geist zehrt. Ebenso wie Beale schafft auch Brooke es diesen Übergang schleichend und doch deutlich zu zeichnen. Ich war begeistert.  Auch von der Leichtigkeit, mit der er ein Missgeschick überspielte. Nackt und nur mit einem Tuch vor den Genitalien stand er auf der Bühne. Je mehr er sich in Rage spielte, desto schwerer fiel es ihm wohl das Tuch an Ort und Stelle zu halten. Als er eine Ausschweifende geste Machte und damit auch die letzte Hülle fallen ließ kam lediglich ein „Well, that was cold…“ in einem zur Rolle passenden Tonfall.

Alles in allem war diese Inszenierung wieder ein Fest auf ganz hohem Niveau, von denen ich in Deutschland leider eher wenige gesehen habe. Schade eigentlich.

Euer ergebener
Theatergeist

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